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Prozeduren im JADE Modell

Wie ich im vorausgegangenen Abschnitt erläutert habe, sind es die Klassen, die die Bausteine für Geschäftsobjekte in einem objektorientierten Geschäftsbereichsmodell darstellen; und es sind die Klassen, die den gesamten Umfang an für die Geschäftsdomäne relevanter Information und essentiellem Verhalten dieser Geschäftsobjekte bereitstellen.

Aber um eine Geschäftsdomäne umfassend zu beschreiben, ist das nicht ausreichend. Wenn sichergestellt werden soll, dass bestimmte Geschäftsabläufe immer in der gleichen Art und Weise ausgeführt werden sollen und wenn garantiert werden muß, dass die Resultate dieser geschäftlichen Transaktionen immer richtig, vollständig und nachprüfbar sind, dann reicht es nicht aus, nur die Geschäftsobjekte zu modellieren. Es muss ebenfalls beschrieben werden, was mit diesen Geschäftsobjekten vorgenommen wird. Das Mittel dazu sind die "Geschäftsprozeduren".

Eine Geschäftsprozedur ist die Beschreibung einer definierten Folge von Aktionen, die von bestimmten Organisationseinheiten ausgeführt werden und die eine definierte Gruppe von Geschäftsobjekten manipulieren, um ein spezielles Geschäftsergebnis zu erzeugen.

Anmerkung: entsprechend der obigen Definition ist eine "Geschäftsprozedur" ein "Typ".
In Analogie zum "Geschäftsobjekt" als eindeutig identifizierbare Instanz einer "Geschäftsklasse" ist der "Geschäftsprozess" eine eindeutig identifizierbare Instanz einer "Geschäftsprozedur". Ein Modell enthält demzufolge auch keine "Geschäftsprozesse" sondern nur "Geschäftsprozeduren", weil im Modell nur der Typ interessiert.

Während "Geschäftsklassen" relativ stabile Konstrukte sind, die sich im Laufe der Zeit meist nur geringfügig ändern, sind "Geschäftsprozeduren" relativ unbeständige Konstrukte. Das rührt daher, dass die meisten Unternehmen versuchen, ständig die Art und Weise zu verbessern, in der sie ihr Geschäft durchführen.

Dabei verfolgen Unternehmen im Grunde zwei verschiedene Strategien, dieses Ziel zu erreichen, nämlich durch

  1. Reorganisation der internen Struktur des Unternehmens.
  2. Änderung der Regeln, die bestimmen, wie Geschäfte abzulaufen haben.

Die Prozedurdiagramme im JADE Modell sind dazu ausgelegt, diese Strategien zu unterstützen.

Einige allgemeine Prozedurgesichtspunkte

In einem Unternehmen, das in disziplinierter Art und Weise operiert, ist für jeden wichtigen Geschäftstransaktionstyp eine "Geschäftsprozedur" definiert und dokumentiert.
Diese Geschäftstransaktionstypen gehören normalerweise einem bestimmten Organistionstyp innerhalb des Unternehmens. Ein Organisationstyp ist in diesem Zusammenhang z.B. ein Unternehmensbereich, eine Abteilung, eine Arbeitsgruppe oder sogar eine Einzelperson, die in einer bestimmten Rolle agiert. Man findet darum oft Prozedurgruppen wie "Verkaufsprozeduren", "Produktionsprozeduren", "Verwaltungsprozeduren", und so weiter.

Die Eigentümerorganisationen sind normalerweise auch für die Dokumentation ihrer Prozeduren verantwortlich, denn sie sind es, die bestimmen, wie sie ihre Geschäfte durchführen und optimieren wollen. Weil die Organisationsform von Unternehmen eine wichtige Rolle in einer Geschäftsdomäne spielt, können im JADE Modell in einem besonderen Diagrammtyp die definierten Organisationen dargestellt werden.

organization diagram

Ein Organisationshierarchie-Diagramm des JADE Modelles.

Eine "Geschäftsprozedur" für eine "Geschäftstransaktion" sollte immer eine durchgängige Beschreibung sein, die mit dem Ereignis beginnt, das von einem Anforderer der Durchführung eines Geschäftsprozesses ausgelöst wurde, um eine Geschäftstransaktion zu starten, und sie sollte enden mit der Auslieferung des Produktes dieser Transaktion an den Anforderer.

Um das angestrebte Resultat zu erzeugen, brauchen einige Prozeduren nur wenige Aktionen, aber die meisten umfassen doch eine beachtliche Anzahl von Aktionen und sind darum ziemlich komplex. Diese komplexen Prozeduren erzeugen in aller Regel eine Reihe von Zwischenergebnissen, manche müssen sogar durch Iterationsschleifen laufen. Um sie leichter verständlich zu machen, müssen diese Prozeduren in kleinere Prozedurabschnitte zerlegt werden. Dabei definiert das Ende eines solchen Abschnittes so etwas wie einen kleinen Meilenstein.

In den allermeisten Fällen führt eine bestimmte Organisation nicht alle Prozeduraktionen selbst (d.h. mit eigenem Personal) durch. Es ist durchaus üblich, dass einige Organisationen oder Unterorganisationen zur Durchführung eines Geschäftsprozess beitragen. Das ist ein Grund, warum Geschäftsprozeduren in organisationsbezogene Abschnitte gegliedert werden sollten.

Um die Durchführung von definierten Prozeduren innerhalb eines Unternehmens zu forcieren, muss eine Prozedur natürlich in einer Form dokumentiert sein, die von den ausführenden Personen akzeptiert wird und die für sie arbeitserleichternd ist.
Eine geeignete Dokumentation einer Prozedur (oder eines Prozedurabschnittes) sollte im Minimum folgendes enthalten:

Es kann weiter hilfreich sein, einige Verarbeitungsrandbedingungen zu dokumentieren, wie etwa die normalerweise entstehenden Kosten oder die erforderliche/erlaubte Verarbeitungszeit für den Gesamtprozess und seine einzelnen Abschnitte.

Anordnung des JADE Prozedurdiagrammes

Im JADE Modell werden Geschäftsprozeduren durch JADE Prozedurdiagramme dokumentiert. Das sind im Grunde hierarchische Arbeitsflußdiagramme (workflows), für die (ähnlich wie beim JADE Klassendiagramm) einige Anordnungsregeln aufgestellt wurden. Hierarchisch bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Details eines Prozedurabschnittes in einem ergänzenden Diagramm niedrigerer Rangordnung enthalten sind.

Die Information, die für eine geeignete Dokumentation einer Geschäftsprozedur erforderlich ist, wird im JADE Modell mittels der folgenden Komponenten bereitgestellt:

Name Beschreibung
Ereignis die Beschreibung, "warum" ein Prozess gestartet worden ist.
Organisation die Beschreibung, "wer" ein Ereignis ausgelöst hat, "wer" die definierten Aktionen auszuführen hat, und "wer" die erstellten Resultate erhalten soll.
Geschäftsklasse die Beschreibung, "welche" Geschäftsklassen innerhalb der Geschäftsprozedur erzeugt oder bearbeitet werden. Das schließt die Aufzählung der benützten Informationselemente (Daten) und die Verhaltenskomponenten (Methoden) der Geschäftsklasse mit ein.
Aktion die Beschreibung, "wie" Geschäftsobjekte in der Prozedur behandelt werden müssen. Das schließt die Regeln mit ein, unter denen bestimmte Aktionen ausgeführt oder umgangen werden, das umfasst weiter die Nennung der Eingangskriterien, die erfüllt sein müssen, damit der Prozedurabschnitt betreten werden kann und welche Abschlußkriterien erfüllt sein müssen, damit bestätigt ist, dass eine Aktion erfolgreich, das heisst vollständig und qualitativ korrekt abgeschlossen worden ist.
Reihenfolge die Beschreibung, "wann" eine bestimmte Aktion innerhalb der vorgesehenen Reihenfolge aller erforderlichen Aktionen durchgeführt werden muss.
Mittel
(wahlweise)
die Beschreibung, "welche" Werkzeuge, Programme, Systeme, usw. während der Ausführung der Prozedur verwendet werden müssen.

Die JADE Prozedurdiagramme haben zwei Hauptbereiche,

  1. einen Informationsbereich

  2. und
  3. einen Durchführungsbereich.

Der Informationsbereich

Der Informationsbereich ist das oberste Band jedes JADE Prozedurendiagrammes. Es stellt immer erforderliche Basisinformationen über die dokumentierte Geschäftsprozedur zur Verfügung. Das ist:

der Prozedurname
Der Prozedurname ist eine Bezeichnung, die den Zweck der definierten Geschäftsprozedur kurz und bündig wiederspiegeln sollte.


der Prozedurenkode
Der Prozedurenkode ist das eigentliche, modellweite, eindeutige Identifizierungsmerkmal der Geschäftsprozedur. Es dient als Abkürzung für den Prozedurnamen, der nicht notwendigerweise eindeutig ist.


Eigentümerorganisation
Die Eigentümerorganisation ist die Organisationseinheit, die verantwortlich für die Definition des Inhaltes einer Geschäftsprozedur oder eines Geschäftsprozedurenabschnittes ist.

Der Durchführungsbereich

Der Durchführungsbereich umfasst den Rest des Prozedurendiagrammes, der sich unterhalb des Informationsbereiches befindet.

Der Druchführungsbereich ist wiederum in einige horizontale Bänder gegliedert. Das oberste Band ist das "Input/Output Objekt" Band, die Bänder darunter werden "Organisationsbänder" genannt.

Jedes Organisationsband ist auf der linken Seite durch den Namen der Organisation gekennzeichnet, der es zugeordnet ist. Ein Organisationsband legt den Bereich innerhalb des Diagrammes fest, innerhalb dessen sich die Kästchen befinden dürfen, die die Prozedurabschnitte symbolisieren, die durch die entsprechende Organisationseinheit ausgeführt werden.
Anmerkung 1: In einem bestimmten Diagramm kann jeweils nur ein Band für eine bestimmte Organisation vorhanden sein.
Anmerkung 2: In einem bestimmten Diagramm kann (wahlweise) ein besonderes Organisationsband, das "External Organisations"-Band sein.

Das "Input/Output Objekt" Band

In jedem Prozedurendiagramm gibt es ein besonderes Band, das "Input/Output Object" Band.

Das "Input/Output Object" Band zeigt die Objekte (definierte Anwendungsklassen) die aus der "Umwelt" der Prozedur kommen und den Grund repräsentieren, der die beschriebene Prozedur startet oder die von der Prozedur erzeugt oder modifiziert werden und an die "Umwelt" der Prozedur als Ergebnis geliefert werden.

Der Grund für den Start einer Prozedur kann innerhalb oder ausserhalb der Problemdomäne liegen, die durch das JADE Modell beschrieben ist. Wenn er ausserhalb des Modelles liegt, wird er als "Ereignis" (oder auch Auslöser) bezeichnet. In jedem Falle wird der Grund für den Start einer Prozedur durch das Objekt repräsentiert, das ihm zugeordnet ist.

Im JADE Modell ist ein "Ereignis" (oder Auslöser) etwas, das vorkommen kann, von dem aber mittels innerhalb des Modelles vorliegender Informationen nicht vorhergesagt werden kann, wann es passiert, oder ob es überhaupt passiert. Es ist also etwas, das in der "Außenwelt" passiert, also in einem Bereich, der nicht durch das Modell abgedeckt ist. Bestimmte Ereignisse sind aber aus der Sicht des Modelles etwas Interessantes, das Modell besitzt deshalb "Sensoren" für diese Ereignisse. Diese Sensoren reagieren und lösen Aktionen aus, wenn ein derartiges Ereignis eintritt.

Die Platzierung der "Input/Output Objekte" innerhalb des Bandes bestimmt, um welche Art von Objekte es sich handelt.

Die "Top-Level" Prozedur kann keine Eingabe- bzw. Ausgabeobjekte haben. Alle Prozeduren darunter können aber beliebig viele (auch Null) Eingabe- bzw, Ausgabeobjekte haben.

Das "External Environment" Organisationsband

Im Durchführungsbereich kann sich (wahlweise) ein spezielles Organisationsband, das "External Environment" Organisationsband befinden. Dieses Band kann dazu benutzt werden, Prozeduren aufzuzeigen, die ausserhalb der modellierten Problemdomäne liegen, die also aussenstehenden Organisationen "gehören".

Normale Organisationsbänder

Die "normalen" Organisationsbänder dokumentieren die Aktionen, die für eine Prozedur festgelegt sind. Sie enthalten Kästchen, die Prozedurabschnitte symbolisieren, die durch das Diagramm definiert sind. Ein Prozedurabschnitt kann als Gruppe logisch zusammengehöriger Aktivitäten betrachtet werden.
Jedes Organisationsband einer Prozedur (eines Prozedurabschnittes) enthält nur die Abschnitte, die unter der Verantwortung der links benannten Organisation ausgeführt werden.

Die Kästchen, die die Unterprozeduren sympolisieren, können in jedem Band in Schichten angeordnet werden, aber die Position innerhalb des Bandes (oder relativ zu Boxen eines anderen Bandes) zeigt nicht unbedingt an, wann (zeitlich) eine Unterprozedur in der Folge von Aktionen ausgeführt wird. Das Diagramm hat keine Zeitachse!

Jede dargestellte Unterprozedurenbox kann selbst wieder zerlegt werden, also auch wieder Unterprozeduren enthalten, die wiederum unterschiedlichsten Organisationseinheiten zugeordnet sein können. Das bedeutet, dass es für jede Subprozedurbox nur ein einziges Prozdurendiagramm niedrigeren Ranges geben kann.

Die Durchführungsreihenfolge der definierten Unterprozeduren wird durch Verbindungslinien dargestellt. Nochmals: es gibt keine Zeitachse!

Primärer Startpunkt für eine Durchführungsfolge ist immer ein Kästchen, das ein dem Auslöser zugeordnetes Objet darstellt, denn das Erkennen eines ausserhalb liegenden Ereignisses ist der einzige Grund, eine Geschäftstransaktion zu starten. Zur Erinnerung: alle (wirklich alle, auch Verwaltungstransaktionen) werden direkt oder indirekt durch in der "Umwelt" liegende Gründe aktiviert.
Verbindungslinien starten immer an der rechten Kante und enden immer an der linken Kante eines Kästchens. Sie benötigen also keine Pfeile um ihre Richtung anzuzeigen. Es ist darum auch erlaubt, eine Subprozedurenbox "B" links von einer anderen Subprozedurenbox "A" anzuordnen, obwohl die Subprozedur "B" zeitlich nach der Subprozedur "A" ausgeführt werden soll.
Anmerkung: Da das Diagramm keine Zeitachse hat, ist es kein Problem, Iterationsschleifen darzustellen.

Startpunkte (dargestellt durch Eingabeobjekte) sind der Eingangspunkt in die Prozuedur. Diese "Eingangspunkte" stellen in Wirklichkeit lediglich Meilensteine innerhalb der Gesamtausführung einer Geschäftstransaktion dar. Die internen Startpunkte legen lediglich für ein Diagramm fest, wo gestartet wird, wenn kein externer Startpunkt vorhanden ist, das Diagramm also die Steuerung aus einem hierarchisch höheren Diagramm (dem Mutterdiagramm) übertragen bekam.

Endpunkt einer Verarbeitungssequenz ist entweder ein Kästchen, das einen "externen Empfänger" repräsentiert oder ein Kästchen, das ein "Ausgabe-Objekt" symbolisiert, der zur höherrangigen Mutterprozedur zurückführt.

Das folgende Diagram zeigt ein Beispiel eines JADE Prozedurdiagrammes.

procedure diagram
Ablaufsteuerung

Da während der Durchführung einer Geschäftstransaktion jeder Abschnitt durch einen vorausgegangenen Prozedurenabschnitt gestartet wird, ist es im JADE Modell die Verantwortung jedes Prozedurenabschnitts zu bestimmen, was als nächstes durchgeführt werden muß.

Aber woher kommt die erforderliche Information, um zu entscheiden, was als nächstes ausgeführt werden soll, wenn mehrere Alternative bestehen.

Einige Informationen, um Flußentscheidungen durchzuführen, kommen aus den in der Prozedur manipulierten Geschäftsobjekte. Da die zu manipulierenden Geschäftsobjekte im Prozedurabschnitt referenziert werden, steht diese Information innerhalb der Prozedur auch zur Verfügung.

Andere Informationen (z.B. das eindeutige Identifizierungsmerkmal des zu manipulierenden Geschäftsobjektes) muss dem Prozedurabschnitt von außen zur Verfügung gestellt werden. Das geschieht durch die spezifizierten "Eingabeobjekte".

Um zu dokumentieren, was von einem Prozedurabschnitt zum nachfolgenden Prozedurabschnitt transportiert wird, werden die Verbindungslinien verwendet. Jede Verbindungslinienbeschreibung enthält darum eine Anzahl von Feldern, die als Parameter für den Aufruf des folgenden Prozedurenabschnittes benützt werden können.

Was befindet sich hinter den Diagrammkästchen und den Verbindungslinien?

Die Prozedurendiagramme eines JADE Modelles zeigen direkt nur die Prozedurenabschnitte und der für die Erzielung des Transaktionsergebnisses vorgesehenen Ablauf. Sie zeigen nicht die Geschäftsobjekte, die manipulierte Information, die festgelegten Verarbeitungsregeln sowie die Verarbeitungslogik. Diese Information wird im JADE Modell durch Definitionsdialoge bereitgestellt, die sich "hinter" den Diagrammkästchen befinden.

Die folgenden Abbildungen zeigen einen Dialog zur Definition einer Prozedur (eines Prozedurabschnittes) und zur Definition einer Organisation im JADE Anwendungsmodellierer.

procedure properties connection properties








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